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Was ich noch sagen wollte, bevor ich gehe

Ein Interview mit Ulrike Bremm

Ulrike Bremm sammelt Geschichten – und vor allem Begegnungen. Die freie Journalistin hat jahrelang Menschen interviewt und gilt als Meisterin der persönlichen Gespräche. Mit ihrem Projekt „Was ich euch noch sagen wollte, bevor ich gehe“ hilft sie nun Menschen dabei, letzte Botschaften, Erinnerungen und Gedanken für ihre Angehörigen festzuhalten. 

1. Frau Bremm, Sie bieten Interviews unter dem Motto „Was ich euch noch sagen wollte, bevor ich gehe“ an. Was genau verbirgt sich hinter diesem journalistischen Angebot, und an wen richtet es sich?

Mein Angebot richtet sich an Menschen, die – sei es altersbedingt oder weil sie an einer unheilbaren Krankheit leiden – wissen, dass der Tod nahe ist und die Spuren hinterlassen möchten. Ich befrage sie zu Erfahrungen, die sie zu dem Menschen gemacht haben, der sie sind, sowie zu ihrer Einstellung zum Leben und zum Sterben. 

Mein Anliegen ist es, meine Gesprächspartner*innen durch Fragen anzuleiten, ihr Leben Revue passieren zu lassen. Ihren Frieden zu machen mit dem, was gewesen ist. Und vielleicht die ein oder andere Lebensweisheit zu hinterlassen. Insofern ist mein Angebot auch wertvoll für diejenigen, die irgendwann zurückbleiben. Ich schreibe das Gesagte nieder, damit die Erinnerungen nicht verblassen – und biete damit für Familie und Nahestehende einen tröstlichen Erinnerungsschatz. Oft beauftragen mich daher auch Angehörige. 

2. Wie ist die Idee entstanden, Menschen dabei zu begleiten, ihre letzten Worte, Gedanken und unerzählten Geschichten festzuhalten – gab es einen persönlichen oder beruflichen Auslöser?

Meine Idee wurde geboren nach unserem perfekten Abschied von meinem Vater, der im September 2024 gestorben ist. Er war gebürtiger Aachener und liegt auf dem Waldfriedhof begraben. Mein Vater war fein damit, dass er in eine andere Welt übergehen würde, und damit wir alle, die wir bei seinem letzten Atemzug bei ihm waren – trotz aller Trauer über seinen Verlust. Es gab keine Versäumnisse zu Lebzeiten, keine Zwistigkeiten, die noch hätten ausgeräumt werden müssen, keine unberührten Themen. Zu seinem 80. Geburtstag hatte ich ihn ausführlich interviewt, ihm ganz persönliche Fragen gestellt und seine Antworten schriftlich festgehalten, sodass wir sie jederzeit nachlesen können. 

Wann immer ich die Antworten meines Vaters noch einmal zur Hand nehme, habe ich seine Stimme im Ohr, sehe sein verschmitztes Lächeln vor meinem geistigen Auge und fühle mich ihm nah. Um auch anderen zu einem gelungenen Abschied zu verhelfen wie wir ihn von meinem Vater haben durften, nutze ich mein Talent, einfühlsame Interviews zu führen. 

3. Sie sind Journalistin und Autorin. Inwiefern fließen Ihre journalistische Erfahrung und Ihr erzählerischer Blick in diese sehr persönlichen Interviews ein?

25 Jahre lang war es mein Spezialgebiet als Journalistin, Prominente zu interviewen. Es ist meine Berufung und Leidenschaft, andere behutsam zu befragen, ihnen aktiv zuzuhören, sodass sie sich mir vertrauensvoll öffnen, und ihre persönlichen Geschichten in Worte zu fassen. Als Journalistin und Autorin weiß ich genau, wie ich Antworten so in Schriftform aufbereite, dass sie gut lesbar sind – und bei den Leser*innen Emotionen wecken. Meine Gaben zu nutzen, um anderen zu helfen, empfinde ich als so erfüllend! 

4. Was erleben Sie in Ihren Gesprächen am häufigsten – geht es mehr um Abschied, um Versöhnung oder um das Festhalten von Lebensgeschichten?

Sowohl als auch. Dabei muss das Festhalten von Lebensgeschichten nicht unbedingt im Zusammenhang mit dem nahen Tod stehen. Oft verschenken Freund*innen oder Geschäftspartner*innen ein Interview mit mir zu besonderen Anlässen wie (runden) Geburtstagen oder Jubiläen. Ich erlebe es oft, dass meine Gesprächspartner*innen es als sehr heilsam empfinden, das eigene Leben zu reflektieren. Dabei empathisch und achtsam von mir mit Fragen geleitet zu werden, nimmt ihnen die Angst, noch einmal zurückzublicken – insbesondere auf die schwierigen Zeiten im Leben oder Streitigkeiten. Viele verspüren den Wunsch, noch etwas zu klären, sich zu entschuldigen, Dank auszusprechen, generell: abzuschließen. Einem Außenstehenden wie mir erzählt man Dinge vielleicht auch noch mal ganz anders als Angehörigen. Manches bleibt sonst möglicherweise ungesagt, weil man es nicht direkt mit den Nächsten zu teilen vermag. Für mich steht fest: Ausgesöhnt von dieser Welt gehen zu können, erleichtert das Sterben – und mildert später die Trauer der Hinterbliebenen. 

5. Welches Ziel verfolgen Sie mit diesen Interviews: Geht es vor allem um Erinnerung für die Angehörigen oder auch um einen bewussteren Umgang mit dem Thema Endlichkeit in unserer Gesellschaft?

In erster Linie ist es mein Anliegen, den Sterbenden und damit auch den Hinterbleibenden den Abschied zu erleichtern. Natürlich setzen sich alle, die sich von mir interviewen lassen, (auch) mit der Endlichkeit des Lebens auseinander. Mir geht es speziell um die einzelnen Personen und ihre individuellen Geschichten. Ich kann mir jedoch gut vorstellen, über meine Erfahrungen mit diesen Gesprächen ein Buch zu schreiben. Und damit meinen Teil dazu beizutragen, dass dieses Tabuthema größeren Eingang findet in die Gesellschaft. 

6. Glauben Sie, dass das Bedürfnis nach solchen Gesprächen heute größer ist als früher?

Ja, ich habe das Gefühl, dass wir heute bewusster leben und uns auch bewusster mit dem Tod und dem Sterben auseinandersetzen – und zwar nicht erst am Sterbebett. Meine Gespräche können dazu beitragen. Anders als früher, wo in der Regel die Religion Orientierung gab und Trost bot, müssen sich die Menschen heutzutage ihre eigene Haltung zum Tod erarbeiten – und da hilft auch der Austausch mit anderen. 

7. Was, würden Sie sagen, kann sich für die Interviewten – aber auch für die ihnen Nahestehenden – durch diese Gespräche verändern – selbst dann, wenn der Abschied noch nicht unmittelbar bevorsteht?

Wenn Interviewte ihr Leben Revue passieren lassen, kann sich ihr Blick darauf verändern. In der Rückschau entsteht oft mehr Nachsicht mit dem früheren Ich. Fehler werden eher als Teil des Lebensweges gesehen statt als persönliches Versagen. Ich habe die Erfahrung gemacht: Die Beschäftigung mit dem Tod kann entlastend wirken und zu mehr Gelassenheit führen. Grundsätzlich bin ich der Überzeugung: Wer bewusster mit der Endlichkeit umgeht, lebt auch bewusster. Und macht sich klar, wofür er (bisher) gelebt hat, was er vielleicht noch erleben will (Stichwort: bucket list), welche Erkenntnisse er gerne weitergeben würde. Aber auch, was er geschafft hat, was er gut gemacht hat und worauf er stolz sein kann. Sinnfragen treten deutlicher hervor: Wofür war mein Leben gut? Was habe ich gegeben? Und was bleibt, wenn ich gegangen bin? Das alles halte ich in meinen Interviews für die Nachwelt fest.