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Machete im Bus-Bahn-Tarifdschungel

Von Michael Esser

Beim Skifahren war’s tatsächlich mal so: Wintersportfreunde mussten für jeden Lift einen eigenen Skipass zücken. Jeder Bergbauer wollte schließlich für den Lift auf seiner Wiese kassieren. Das ist seit langem passé. Was dem Skivergnügen sicher gutgetan hat. Heute ist nur noch ein Pass für ein Skigebiet mit allen Abfahrten und Liften notwendig. Für Bus- und Bahnfahren im Rheinland soll eine ähnlich glückliche Zeit jetzt ab 1. Juni anbrechen. Der Name des Skipasses für die Pisten zwischen Aachen, Köln und Bonn – Rheinlandtarif.

Es war der Landrat aus dem Rhein-Sieg-Kreis, Sebastian Schuster, der mit dieser Anekdote die unmittelbar bevorstehende Zukunft von Bus- und Bahnfahren im Rheinland beschrieb. Schuster ist zugleich Vorsitzender des Verkehrsverbunds Rhein-Sieg. Der VRS hat zusammen mit dem Aachener Verkehrsverbund AVV den Rheinlandtarif „ausgebrütet“, wie VRS-Geschäftsführer Michael Vogel mit einer anderen Anekdote berichtete. „Wir saßen vor zwei Jahren an einem ähnlich heißen Tag wie heute in Aachen mit den Kollegen zusammen und haben laut über die Grundzüge einer einfachen Tarifstruktur nachgedacht und …“.

Launiger Startschuss für Rheinland-Tarif

Und das Ergebnis wurde jetzt am Donnerstag beim offiziellen Startschuss für den Rheinlandtarif in Düren gefeiert. Klare Sache: Es herrschte Feier- und Erzähllaune. Der Grund: Die derzeit 16 Preisstufen im AVV-VRS-Verbandsgebieten sollen letztlich auf nur noch drei Tarife in Bus und Bahn reduziert werden. Das Modell sieht auf den ersten Blick bestechend einfach aus: Stufe 1 gilt innerhalb einer Stadt oder Gemeinde, Stufe 2 gilt für die Startkommune plus eine Nachbargemeinde, Stufe 3 gilt für das gesamt Rheinland.

NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer nannte die Tarifreform deshalb „ein Stück weit historisch“. Einfache, übersichtliche und für Fahrgäste nachvollziehbare Tarife. In seiner Anekdote erinnerte der aus Düren kommende Grünen-Politiker an die Zeit, wo er im Dürener Bahnhof vor gleich drei Fahrkartenautomaten stand. „Vom VRS für die Fahrtrichtung Köln, vom AVV für die Richtung Aachen und von der DB für alles andere.“ Glücklicherweise sei die Zeit vorbei, in der man ein „Tarif-Abitur“ nötig hatte, um da durchzusteigen. VRS-Geschäftsführer Michael Vogel formulierte den Bequemlichkeitsgewinn drastischer: „Der neue Rheinlandtarif ist die Machete im Tarifdschungel.“

Machete macht nicht alles einfach

Aber so einfach ist es dann doch nicht. Es bleibt für noch zwei Jahre eine – hier bislang ungenannte – Kurzstrecke, bei der das Erwachsenen-Ticket 2,90 Euro kostet. Also schauen, wie weit man damit kommt. Erst nach dessen Wegfall ist dann ab Mitte 2028 die Reduzierung von 16 auf drei Preisbereiche vollendet. Dann gilt (jetzt schon, aber dann nur noch) die Stufe 1 in zwei Kategorien. Als Stufe 1a für jede beliebige Stadt oder Gemeinde und als Stufe 1b für die Großstädte Aachen, Köln und Bonn. Der Unterschied: Das Großstadt-Ticket kostet vier Euro, in allen anderen Gemeinden kostet die Fahrkarte 3,50 Euro. Jeweils innerhalb der Kommunalgrenzen, also für Aachen etwa von Horbach bis Sief, in Herzogenrath von Berensberg bis Herbach, in Monschau von Konzen bis Küchelscheid. Hört sich günstig an.

Darüber hinaus gilt Stufe 2 mit der nächsten Differenzierung: Stufe 2 (von der Start- in die angrenzende Nachbargemeinde) kostet 5,50, zum Beispiel von Aachen nach Würselen. (Oder von Herzogenrath-Kohlscheid durchs Wurmtal nach Würselen, obwohl das viel kürzer ist als von Berensberg nach Hofstadt.) Aber auch für die Fahrt von Aachen durch Würselen nach Alsdorf, also in die übernächste Gemeinde, ist nicht mehr zu bezahlen. Das ist eine der hie und da zu findenden Ausnahmen und bleibenden Verwirrungen im Tarifdschungel. Von Würselen nach Alsdorf kostet das Ticket ebenfalls 5,50 Euro, obwohl die Strecke ja kürzer ist. Ist so.

Tricky Problemfall Aachen-Baesweiler

Stufe 3 (gesamtes Rheinland) ist gerade bei der Strecke von Aachen Richtung Norden entlang der B57 besonders tricky. Von Aachen über Würselen nach Alsdorf und weiter nach Baesweiler wäre nämlich Stufe 3. Und die kostet 13,90 Euro. Dafür kann man auch von Aachen nach Köln oder weiter nach Siegen fahren, also deutlichst billiger als bisher. Aber auf der Strecke Aachen bis Ziel Baesweiler ist das Rheinland-Ticket fast doppelt so teuer wie die 7,40 Euro, die laut AVV bislang auf dieser Strecke zu zahlen sind. Einfacher aber eine Preisfalle, ist das wirklich für eine der Hauptverkehrsachsen das gewollte Ergebnis? „Das ist ein Problemfall“, gesteht AVV-Sprecher Markus Vogten ein. Es habe sich so innerhalb der neuen Systematik ergeben. Leider. Aber Markus Vogten kann auch einen Ausweg nennen und der heißt „eezy-Tarif“.

Retter „eezy-Tarif“

Der „eezy-Tarif“ ist (schon länger) das zweite Standbein für die Ticketstruktur im Rheinland. Man braucht dafür ein Smartphone und eine App. Vor dem Einstieg in Bus oder Bahn ruft man die App auf, die erkennt den Standort anhand der GPS-Daten und später auch den Ausstieg. Dann berechnet sie den Fahrpreis anhand in einer Kombination aus Grundpreis (derzeit 1,66 Euro) und Kilometer Luftlinie (!) zwischen Start und Ziel. Den Preis kann man vorab schon sich anzeigen lassen. Der Clou: Der Preis liegt auf keinen Fall höher als das günstigste Papierticket. Er ist gedeckelt. Für Aachen-Baesweiler „sind mit dem eezy-Tarif nur 5,98 Euro zu zahlen“, hat Markus Vogten ausgerechnet. Der eezy-Tarif ist für ihn mithin der Tipp gegen Preissprünge auch im Rheinlandtarif. Ein Smartphone nutzen mittlerweile 90 Prozent aller Menschen in Deutschland. Also nicht alle, aber der eezy-Tarif ist eine Lösung für die allermeisten.

Kein Wunder, dass auch NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer den eezy-Tarif als wesentliches Element der neuen Preisstruktur hervorhob. „In NRW hat es seit Einführung Ende 2021 mehr als 19 Millionen Fahrten mit dem eezy-Ticket gegeben. Die Menschen wollen ein einfaches und preisgünstiges Tarifsystem.“ Die Zufriedenheit liege bei 96 Prozent. Immerhin gibt das Land auch Millionen, um diesen Tarif zu stützen. Grund zur Klage hat er allerdings auch. „Warum muss es für

den Vertrieb für eezy über vierzig verschiedene Apps geben? Jede kostet Geld und Aufwand. Das könnten wir an anderer Stelle besser investieren“, wünschte er sich von den Verkehrsverbünden in Nordrhein-Westfalen mehr Einheitlichkeit und Effizienz.

Eezy-Deckel aber nicht generell billiger

Nochmal Tarifdschungel: Tatsächlich ist es nicht so einfach zu sagen, dass Rheinlandtarif und eezy-Ticket alles billiger machen. „Man muss auf die einzelnen Tarifprodukte und Angebote schauen“, weiß VRS-Pressesprecherin Jessica Buhl. „Manche werden deutlich günstiger, andere teurer.“ So gibt es auch Übergangstarife in Nachbarzonen wie von Titz (Kreis Düren) Richtung Düsseldorf oder ins benachbarte Ausland. Eine allgemeine Preissenkung wird nicht versprochen. Im Endeffekt sind die Fahrgäste aufgefordert, weiterhin aufzupassen, nachzurechnen und letztlich den eezy-Tarif als Kostendeckel zu nutzen.

Der eezy-Tarif ist im Übrigen nicht nur pro Fahrt, sondern auch im Monatsvolumen gedeckelt. Wer damit im Rheinland unterwegs ist, zahlt auf keinen Fall mehr, als für ein Deutschland-Ticket zu berappen ist. Sprich derzeit 63 Euro. Für Viel- und Alltagsfahrer mit D-Ticket im Abonnement ist damit der Rheinlandtarif letztlich wenig interessant, weil das Deutschland-Ticket ohnehin auch für den gesamten lokalen und regionalen Bahn- und Busverkehr gilt. Drei Viertel der AVV-Ticketeinnahmen entfallen bereits auf das Deutschlandticket. Das mit Milliarden von Bund und Ländern subventionierte D-Ticket ist mit einer Million verkauften Einheiten pro Monat mittlerweile die beliebteste Fahrkarte zwischen Ost-, Nord- und Bodensee.

Kritik: Ungerecht weil zu einfach

Nachdrückliche Kritik am neuen Tarifsystem kommt vom Fahrgastverband Pro Bahn. Die Interessenvertretung der Nutzer ist zwar grundsätzlich fein mit einer Vereinfachung des Tarifsystems. „Aber so wenige Tarifstufen führen zu größeren Ungerechtigkeiten“, kritisiert Winfried Queiser von der Kölner Regionalgruppe. In zahlreichen Fällen bedeute die Stufe zwei eine Anhebung der Transportentgelte, zum Beispiel in Köln von 3,90 auf die neuen 5,50 Euro. Der Oberbergische Kreis habe sich deshalb auch aus dem neuen System ausgeklinkt und eine preisgünstigere Stufe 2a geschaffen. Der Fahrgastverband sieht sich dadurch in seiner Kritik bestätigt. Und warum müssten ausgerechnet die langen Strecken (z.B. Aachen-Siegen, siehe oben) so viel billiger werden? Warum nicht die vielgenutzten kürzen Entfernungen günstiger gestalten? „Es hätte nicht so stark vereinfacht werden müssen. Dann hätte man auch eine höhere Preisgerechtigkeit erreichen können“, bilanziert Fahrgastvertreter Queiser. Sein Fazit: Vereinfachung übertrieben auf Kosten der Preisgerechtigkeit.

Finanz-Machete der Zukunft

Der Rheinland-Tarif wird laut Auskunft VRS maximal zehn Prozent aller Fahrten erfassen. Auf dieser Basis sind die neuen Tarife dann auch so kalkuliert worden, dass die Defizite bei den Verkehrsverbünden nicht noch größer werden. Der Rhein-Sieg-Kreis übernahm zuletzt 15 Millionen Miese aus dem ÖPNV-Betrieb, viele Millionen waren es auch beim AVV, die bei Stadt und Städteregion landen. Aber echte Preise – im Verkehrsverbundsprech „auskömmliche Tarife“ genannt, „kann keiner bezahlen. Wir und die Kommunen sind auf eine zuverlässige Co-Finanzierung von Land und Bund angewiesen“, betonte Go.Rheinland-Geschäftsführer Norbert Reinkober auf der Startveranstaltung für den Rheinlandtarif in Düren.

Mithin stehen die neuen Tarife ohnehin unter dem Druck der kommunalen Kassen. Die sind bekanntlicherweise leer. Was man sich leisten will und leisten kann, klafft häufig auseinander. So gibt es im Kreis Düren bereits konkrete Überlegungen, Buslinien einzustellen und Kosten zu sparen. Die Kommunen generell wünschen sich zwar mehr ÖPNV und SPNV in der Fläche, was auch sinnvoll wäre, aber im Gegenzug müssten sie dann auch die Kosten dafür aufbringen. Das ist die Finanz-Machete der Zukunft. Deren Handhabung wird darüber entscheiden, wie sich der ÖPNV in der Fläche behaupten kann. Und ob der Wunsch von NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer, nachgewiesen ein Fan des ÖPNV und SPNV, sich erfüllt. „Für uns heißt die erste Aufgabe, die Fahrgäste auf einem hohen Niveau zuverlässig zu befördern.“ Na denn, einsteigen bitte.