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Haus der Hitze oder Hotspot für Aachener Quellen? 

Offen soll’s werden, transparent und schon aus der Ferne so attraktiv, dass es die Leute regelrecht hineinzieht. Ein Pluspunkt für Aachen und im Wortsinn ein Hotspot für die Aachener Stadtgeschichte. So soll es werden. Das künftige Fraunhofer-Forschungszentrum für Energie- und Klimatechnologien am Büchel. Das Wissenschaftsinstitut soll der Pionierbau auf dem Gelände des abgerissenen Parkhauses werden. Zwischen Matthes-Möbel auf der einen und dem Haus der Neugier auf der anderen Seite, zwischen Antoniusstraße und Aquis-Grana-Hotel in Nord-Süd-Richtung. Auf einem Bürger-Infoabend Anfang der Woche gab es wärmste Worte für das Projekt von Stadtentwicklungsgesellschaft, Architektenbüro und dem künftigen Hausherrn.  

Eine erste Veranstaltung zum „Aufmerksamkeitsraum Büchel“ gab es schon 2013. Seither ist die Diskussion um den Nachfolgebau für das alte, abgeranzte Parkhaus nicht abgerissen.  (Das Parkhaus hingegen schon…) Nikolausviertel, Markthalle, Bel Etage oder jetzt der Dreiklang von „Wohnen Wissen und Wiese“ waren und sind die Vorstellungen überschrieben. 2023 gab es eine öffentliche Beteiligung, bei der Bürger nach ihren Vorstellungen und Wünschen gefragt wurden. 

Mehr als 50 Besucher kamen nun auf Einladung der Initiative „Aachen Fenster“, die sich um Baukultur in Aachen kümmert und seit 2013 nun ihre vierte Veranstaltung zum Büchel organisiert hatte. Die Resonanz zeigt, dass auch nach so langer Zeit und nach so vielen Plänen das Interesse an einem Herzstück in der Aachener Innenstadt groß ist. In diesem Jahr soll mit der Umgestaltung begonnen werden, Start für den Pionierbau soll 2027 sein. „Eine Struktur, die gut in die Innenstadt passt“ strebt die Stadtentwicklungsgesellschaft SEGA mit dem Mix aus Freizeitfläche, Wissenschaftsstandort und Wohngebäuden an.  

Doch noch läuft eine Petition gegen die Pläne. Mehr als 1.300 Unterschriften liegen vor, nicht alle von Aachenern (https://www.openpetition.de/petition/online/kein-fraunhofer-institut-in-der-aachener-city). Der Entwurf einer mediterran-orientalischen Markthalle des Würselener Künstler Albert Sous ist immer noch in den Köpfen. „Nicht wirtschaftlich“, hieß es damals von Investorenseite. Die Bürger stoßen sich an dem nun geplanten Gebäude. Es passe nicht in die Innenstadt. Es soll 22, vielleicht knapp 24 Meter hoch über den Platz hinausragen. Seine markante Eckform dürfte eine Dominante für die Park-Freifläche davor sein (Gebäudegrundriss des Gebäudes ist ein „L“).  

Auch wohl deswegen favorisieren die Verantwortlichen eine von Glas bestimmte Fassade. Einen Skelettbau mit vielen schlanken Säulen, einem Klettergerüst mit schmalen Modulen ähnlich, und mit einem klassischen Sonnenschutz vor den Fensterflächen der Fassade. Die erste Frage eines Bürgers bezweifelte dann in einer eher ruhigen Runde auch prompt den Sinn eines Glashauses. Heiß von den Quellen im Boden her und dann auch noch von oben durcherhitzt durch die Sonne?  

Das konnte Martin Reuter vom Architektenbüro Ingenhoven Associates (Düsseldorf) noch entkräften. Ein Zuviel an Glas gebe es keinesfalls. Genug für Tageslicht und die gewünschte Transparenz, aber Überhitzung drohe nicht. „Wir halten die Energiesparverordnung ein.“ Eine weitere Frage, warum die Fassade doch sehr üblichen Stahl-Glas-Bauten gleiche und der doch so behauptete Wow-Effekt fehle, blieb hingegen ohne konkrete Antwort. Martin Reuter: „Uns geht es bei jedem Projekt um Innovation. Wir erfinden Orte.“ Soll wohl heißen: Die Planer sehen das halt anders.  

In dem Fraunhoferbau sollen ab Ende 2029 bis zu sechzig Wissenschaftler und Institutskräfte arbeiten. Zwei Drittel der Flächen in dem sechsgeschossigen (?) Gebäude sind dafür vorgesehen. Ein Drittel soll der Öffentlichkeit zugänglich sein. In den beiden unteren Ebenen sind Ausstellungsflächen geplant, auch die „großzügige Dachterrasse“ soll frei erreichbar sein. Auf den Etagen sind Büro- und Arbeitsräume in klassischer Anordnung geplant, die Größen dank der modularen Bauweise flexibel änderbar bis zu Konferenz- und Veranstaltungsräumen. Grün soll es vor dem Gebäude, im Innenhof und auf der Dachterrasse geben, nicht aber an der Fassade. Martin Reuter: „Das ist nicht Aachen-typisch.“  

Der Clou wird in der Haustechnik stecken. Das Gebäude wird nicht auf, sondern knapp neben den bekannten heißen Quellen am Büchel errichtet. Das Thermalwasser aus dem Boden soll für die Heizung und Wärmeerzeugung genutzt werden. (Im Sommer übrigens erlauben die Wärmetauscher auch eine Kühlung der Räume.) „Die CO2-Neutralität ist auch einer unserer Schwerpunkte“, betonte Martin Reuter. Eine Versorgung von Nachbargebäuden mit dem Thermalwasser ist derzeit nicht vorgesehen, es gibt davon zu wenig, rund „drei Kubikmeter pro Stunde“, sagte Stadtentwicklungs-Geschäftsführer Christoph Vogt.  

Für den künftigen Hausherren aber ist das heiße Wasser der Grund, sich genau in der Stadtmitte niederzulassen. Das Institut hätte man – wahrscheinlich billiger – auch auf Melaten bauen können. Aber unweit des Doms kommen Institutsauftrag, Energiewende, Klimaschutz und Stadtgeschichte zusammen. „Das ist eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen. Wir möchten deswegen hier einen Wissenschaftsstandort im Dialog mit der Stadtgesellschaft schaffen“, betonte Professor Bracke. Das Institut ist auch „ein Kind des Kohleausstiegs“. Für den Direktor des Fraunhofer-Zentrums für Energie- und Klimatechnologien ist das Projekt eine Herzensangelegenheit. „Was den Namen der Stadt Aachen ausmacht, die heißen Quellen, ihre Geschichte, wird bislang unzureichend dokumentiert.“ Das soll hier nachgeholt werden. Nach Möglichkeit mit Öffnungszeiten auch am Wochenende, während die Büros dann geschlossen sind.  

Das soll auf den beiden unteren Etagen nachgeholt werden. Zwei Etagen, weil das freie Wiesengelände stufenartig verläuft, es also für EG und erstes OG ebenerdige Eingänge geben wird. In diesen Bereich sind Ausstellungen zu den Thermalquellen und heißen Wassern geplant. „Aquae granni“ heißt der Arbeitstitel für das ausgewählte Berliner Büro. Wärme, Wasser, Wissen – Aachen eben. Unvermeidlich dazu gehören auch Reminiszenzen an die Römer, die als erste im heutigen Aachen mit Warmwasser aus dem Boden heizten. Schaufenster, Dialogbereiche, Mediawall, Veranstaltungsräume für Vereine, Bürgerstiftung, VHS und andere – wenn denn alles so kommt, könnte es ein wenig aussehen wie im Centre Charlemagne, nur viel neuer und lichter.  

Die Fragen in der Publikumsrunde und im Netzwerken danach machten deutlich, dass es Standort und Fassade sind, woran sich die Leute stoßen. Am Büchel standen bis zur Zerstörung im zweiten Weltkrieg Hotels und prunkvolle Bäderanlagen. Standortsorgen zerstreute Hans-Dieter Collinet aus Aachen, renommierter Stadtplaner im Ruhestand und zu aktiven Zeiten u.a. für die Internationale Bauausstellung Emscher Park zuständig. „Ich kann allen Aachenern nur raten sich anzuschauen, was in der Innenstadt los ist. Der Handel schwindet. Es ist ein Geschenk, wenn so in die Innenstadt neue Arbeitsplätze reinkommen, Veranstaltungen, Anziehungspunkte.“ Belebung halt.  

Bleibt das Äußere des Skelettbaus. Beim Rausgehen vermisste eine alte Dame den großen Wurf. Etwas das in Erinnerung bleibe, zu Aachen passe. Jetzt eher gehobene Allerweltsware als wirklich etwas Neues. „Da haben die uns Bilder gezeigt, was sie Tolles in Freiburg, in Düsseldorf, Tokio oder sonstwo auf der Welt gebaut haben. Warum dann nicht auch hier?“ Das geht wohl besser.  (Michael Esser)