Wie teuer kommen die Olympischen Ringe über der Soers?
Von Michael Esser
Aachen als Olympiastadt – das wird toll! Und Aachen kann das! Gäste aus der ganzen Welt, Reitsport-Glanz mit Strahlkraft rund um den Globus und in der Kaiserstadt schöne Umsätze für Hotels, Gastronomie und Handel. Wenn eines das Weltfest des Pferdesports und die Reit-WM noch toppen kann, dann die Olympischen Ringe über der Soers. Das beste: Das alles soll Aachen nichts kosten, ist derzeit oft zu hören. Aus der städtischen Pressestelle hieß es noch diese Woche „Es gibt keinen Sumpf mit versteckten Investitionen.“ Gute Kunde eingangs der Olympia-Abstimmung unter den Aachenern.
Und was ist mit den Kosten für den aktuellen Ratsbürgerentscheid, mit den Bewerbungskosten und den Sicherheitskosten? Darüber wird bislang so gut wie gar nicht geredet.
Alles da und alles machbar, hatte Oberbürgermeister Michael Ziemons bei seinem „Kneipentalk“ Mitte März betont, einem Bürgerdialogformat am Feierabend in einer Gaststätte. Was schon alles in der Soers steht, kann sich sehen lassen: Moderne Reitanlagen mit Top-Bewertungen durch Reiter und Zuschauer, dieses Jahr neueste Stallungen und bald auch neue Hallen, beste Voraussetzungen für Springreiten, Dressur und Vielseitigkeit, der Parcours künftig sogar paralympisch. Was für die Reit-WM in diesem Jahr hergerichtet wird, wird auch noch in zehn oder zwanzig Jahren top sein. Einschließlich Tivoli-Stadion, das bei Bedarf für Spiele der Frauen-Nationalmannschaften genutzt werden soll. Olympia kann kommen – 2036, 2040 oder 2044, für welches Jahr auch immer die deutsche Bewerbung eingereicht wird.
Aachen hat übrigens drei Chancen, neben der NRW-Bewerbung steht es auch für Berlin und wohl auch für Hamburg auf dem Austragungs-Zettel für Reitsport. München wird eher auf eigene Ressourcen zu setzen.
Gold- und Geldesel Olympia
Profitieren soll Aachen aus Sicht der Olympia-Befürworter ja wohl nicht nur durch weltweite Beachtung und Bekanntheit. Eine größere Bühne als Olympia ist kaum vorstellbar. Sondern die 400.000 oder mehr Turnierbesucher in der Soers bescheren Stadion und Stadt dann auch einen schönen Batzen Geld, heißt es weiter. Was man gerne sofort für Hotels und Gastronomie nachvollziehen mag. Aber auch der mehr oder weniger darbende Einzelhandel soll in der Kasse profitieren.
Alles klar also für die Aachener, die jetzt über Olympische Spiele daheim abstimmen sollen? 185.000 wahlberechtigte Männer und Frauen erhalten dieser Tage den Stimmzettel. Auf dem kann man Ja oder Nein ankreuzen, für oder gegen Aachen als Austragungsstätte für olympische Reitdisziplinen. Bis 19. April muss der Antwortbrief bei der Stadt sein. Die Stimmung ist gut. Was könnte schon gegen Olympia sprechen?
Keine belastbaren Zahlen
Zum einen, dass die Sache mit dem Umsatzplus für den Einzelhandel wahrscheinlich ist, aber gar nicht so einfach belegbar. Hotels und Gastronomie wie gesagt sind kein Thema. Aber die sind sommers auch sonst gut ausgebucht. Das Plus resultiert dann nicht aus dem großen Mehr an Gästen, sondern aus der Vervielfachung der Zimmerpreise. Sei’s gegönnt. Und der Einzelhandel? Da gibt es so gut wie kaum belastbare Zahlen. Im vergangenen Jahr sprachen ALRV und IHK in einem Medienbericht von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung des Reitturniers in hohem zweistelligem Millionenbetrag. Nur – belastbare und extern nachvollziehbar Zahlen fehlten.
Einzelhandelssprecher Till Schüler vom Märkte- und Aktionskreis City (MAC): „Jede Veranstaltung bringt positive Aspekte mit sich, bringt mehr Frequenz in die Innenstadt. Aber belastbare Zahlen kenne ich nicht.“ Der Aachener Einzelhandel müsse sich gewiss nicht verstecken und könne auch internationalen Gästen viel bieten. Zumal bis 2036 oder später die Großprojekte Haus der Neugier, Büchel-Bebauung, Bushof oder gar Regiotram abgeschlossen sein sollten. Wie viele Turniergäste sich aber aus der Soers in die Innenstadt begeben und dort ihr Geld im Einzelhandel ausgeben, sei schon beim CHIO kaum bezifferbar, so die Einschätzung.
CHIO – solche und solche Erfahrungen
Statt Zahlen gibt es Erfahrungen – solche und solche. Die guten etwa von Klaas Wolters, Geschäftsführer von Weyers-Kaatzer am Dom. „Der Einzelhandel profitiert von den vielen Besuchern. Es gibt keine konkreten Zahlen, aber die Kasseneinnahmen sind dann immer höher.“ Jedes Reitturnier beschert seinem „Fachgeschäft für Schreibkultur, feine Papierwaren und besondere Geschenkideen“ ein spürbares Plus beim Verkauf von Souvenirs, gerne mit Dom-Motiv, hochwertigen Füllern und Schreibgeräten oder eben Artikeln, die in Deutschland günstiger seien. „Jede größere Veranstaltung in Aachen bringt diesen Effekt.“ Immer im Herbst begrüße er Kunden, die wegen des September Specials nach Aachen kämen. (Dieses Jahr wahrscheinlich einen Monat früher zum „Reit-WM-Special“, die Herbstsause wurde ja abgesagt wie auch Stadtglühen und Kurpark Classics.) Für Klaas Wolters ist Olympia „die große Chance, Aachen über den Reitsport hinaus weltweit bekannt zu machen.“
Von weniger positiven Erfahrung berichtet dagegen Yvonne Lauscher. Sie führt neben dem früheren „Lust for Life“ ein Juwelier- und Optikgeschäft, verkauft Schmuck, Uhren und Brillen. „Wir spüren vom Reitturnier gar nichts“, schildert sie ihre Erfahrung. Das gelte auch für andere Geschäftsleute in der Nachbarschaft. „Vor zwei Jahren haben wir eine Art Rabattheftchen auf dem CHIO ausgelegt, daraus sind höchstens fünf Gutscheine eingelöst worden, im ganzen Viertel.“ Aus großen Geschäfts- und Kaufhäusern ist Ähnliches zu hören, allerdings nur hinter vorgehaltener Hand. Yvonne Lauscher schaut trotzdem positiv auf die Reit- und Großevents: „Solche Veranstaltungen sind ganz sicher für Aachen und das Image der Stadt positiv, das zahlt sich irgendwann aus.“ Aktuell hofft sie auf die Reit-WM diesen August und auf die zahlreichen besucherträchtigen Veranstaltungen in der Innenstadt.
Bürgerentscheid kostet
Einnahmen für den Einzelhandel ja, aber nichts Genaues weiß man nicht. Und auch bei den Ausgaben bleibt vieles offen. Schon jetzt fallen konkrete Kosten für die laufende Abstimmung an. NRW übernimmt 15 Prozent der örtlichen Kosten für die Ratsbürgerentscheide, die zurzeit in 17 NRW-Städten laufen. Durchaus kein Pappenstiel. Köln rechnet mit Ausgaben von knapp 2,5 Millionen und einem 15%igen Eigenanteil von etwas über 370.000 Euro, Essen mit 180.000 Euro Eigenanteil. Aachen scheint hier im Vergleich kostengünstig zu arbeiten. Bei knapp 400.000 Euro Gesamtkosten rechnet die Stadtverwaltung mit einem Eigenanteil von rund 60.000 Euro.
Dicker Batzen für die Sicherheit
Mit Blick auf die Austragung stellt sich langfristig auch die Frage nach den Kosten für die Sicherheit. Die sind schon lange ein Riesenposten für die Austragungsstätten. Im Vertrag mit dem Internationalen Olympischen Komitee wird normalerweise geregelt, dass Sicherheitskosten „vor Ort“ getragen werden (müssen). So waren bei den olympischen Winterspielen im Februar in Norditalien laut Zeitungsberichten 6.000 Sicherheitskräfte im Einsatz. Doppelt so viele wie Sportler. Das österreichische Sport-Online-Portal Laola1 berichtete, dass rund 50 Millionen Euro für den Bereich Sicherheit veranschlagt worden seien, leider ohne weiteren Beleg. Interessanterweise ist in der offiziellen Auflistung der Provinz Bozen zu den Ausgaben in der Rubrik „Zivilschutz und Sicherheit“ keine Summe aufgeführt – stattdessen drei Spiegelstriche.
Als eine der 17 NRW-Bewerberstädte spricht Dortmund die Bewerbungs-, Realisierungs- und Investitionskosten für Olympische und Paralympische Spiele offen an. Das BVB-Stadion und die Westfalenhalle könnten Austragungsstätten sein. Die 600.000-Einwohner-Stadt schätzt (!) auf Grundlage des Preisniveaus von 2025 mit zwei Millionen Euro für den Bereich Sicherheit und mit städtischen Personalkosten in ähnlicher Höhe. Dazu weitere, aber nicht verpflichtende Ausgaben für Fanaktivierungen und Marketing.
Ausgaben vs. Einnahmen
Man muss auch sehen, dass den Gesamtausgaben für Olympische Spiele in Milliardenhöhe auch Einnahmen in mindestens gleicher Höhe gegenübergestellt wurden und werden. Paris 2024 soll mit einem kleinen Plus abgeschlossen haben. Ähnliches wurde für die Olympischen Winterspiele im Februar in Norditalien erwartet. Laut Handelsblatt rechneten die Veranstalter mit 2 bis 2,5 Millionen Mehrtages-Besuchern zwischen Mailand und Cortina d’Ampezzo und Einnahmen höher als die Ausgaben. Für Aachen sprach NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst diese Woche von einer halben Million Besucher (14 Millionen in NRW insgesamt) und dass es hier und in ganz NRW keine Finanzierungsrisiken bei Neubauten gebe. In Aachen sei bereits alles vorhanden oder werde gerade gebaut. Allein in Köln müsse das Leichtathletikstadion neu gebaut werden.
Sicherheit wird kosten
Dennoch dürften die Kosten für Sicherheit nicht zu vernachlässigen sein, bundesweit nicht, aber auch nicht in und für Aachen. Man wird annehmen dürfen, dass die Bund und Land kaum umhinkommen werden, einen Großteil dieser Kosten zu tragen. Aber eben nicht alles. So lässt sich für Aachen 2036, 2040 oder 2044 bislang offenbar nur die Frage stellen, wie teuer die Sicherheit kommen wird, aber keine zuverlässige Antwort geben. Selbst eine Schätzung wie in Dortmund ist nicht bekannt. Erfahrene Veranstalter berichten, dass ein Sicherheitskonzept gerne mal zehn, eher 15 Prozent der Gesamtkosten ausmache. Dabei sind allerdings eher Stadtfeste, Großkirmessen oder Weihnachtsmärkte im Blick. Olympische Reiterspiele sind ein anderes Kaliber.
Eine Antwort der Stadt Aachen dazu steht noch aus.
Und unterm Strich? Olympia in der Soers ist eine Riesenchance für Aachen! Kaiserkrönungen finden hier nicht mehr statt, hoffentlich aber werden in der Soers bald Athleten mit Lorbeerkränzen und Medaillen in Bronze, Silber und Gold gekrönt.