Auf Stippvisite durchs ganz neue Kurhaus
Tausende staunten über den runderneuerten Prachtbau an der Monheimsallee
Von Michael Esser
Eine Wiedergeburt nach 110 Jahren, Aufstieg aus dem Baustaub zum Prachtbau. Mehr als 7.000 freudig-neugierige Aachener wollten das sehen. Beim Tag der offenen Tür konnten sie den aufpolierten herrschaftlichen Glanz aus deutscher Kaiserzeit im bürgerlich-demokratischen Jetztzeit-Gewand. Das von Grund auf sanierte und herausgeputzte alte „neue“ Kurhaus – hier eine kleine Reminiszenz zur Stippvisite zwischen Damals und Heute und was Besucher dazu sagen.
Damals – das waren die Jahre des ersten Weltkriegs. Eröffnung des Kurhauses 1916, zwei Jahre nach Kriegsbeginn und noch zwei Jahre hin bis zum Zusammenbruch des deutschen Kaiserreiches. Aber Aachen wollte seinen Ruf als Badestadt unterstreichen. Der Krieg hatte Auswirkungen bis in die Bauarbeiten. Eisen war kriegswichtiger Rohstoff und somit beim Aachener Projekt Mangelware, verbaut wurde gerade soviel wie unbedingt nötig. Für die Architekten der Wiedergeburt ein Problem: Sie mussten viele Tonnen Stahl unsichtbar in die Decken einziehen, damit das neue Gebäude ohne Statikprobleme die neue Technik trägt. Denn hinter den schönen Wänden, Holzverkleidungen und Vertäfelungen sind kilometerweise Strom-, Daten- oder Signalleitungen verlegt, dazu Lüftungs- Wärmekanäle für das interne Hauswohlfühlwetter. Damals wird man einfach die Fenster geöffnet haben…

„Ich sage Wow! Eine echte Überraschung, wie vielfältig das hier ist. Ich hoffe, das wird ein nächster Leuchtturm für Aachen. Man hat offenbar aus der Vergangenheit gelernt. Man kommt in ein sehr modernes Gebäude, das eine lange Geschichte hat, aber total neu ist.“ (Besucher, touristikerfahren.)
Gleich im Eingang nimmt einen das Kurhaus in Beschlag: Die Gemälde oben im Vestibül (veraltet für Foyer) leuchten wieder farbenfroh. Genauer gesagt: Sie sind überhaupt wieder sichtbar, nachdem zu Spielcasino-Zeiten (1976 – 2015) abgedeckt waren. Die Restauratoren haben exzellente Arbeit geleistet. Das Vestibül prägt den Gesamteindruck. Geradeaus geht es gleich weiter in den großen Konzertsaal, der ebenfalls den neoklassizistischen Stil atmet, aber gegenüber heutigen Schallgroßhallen wohltuend dimensioniert ist. Eine Anekdote nur noch, dass die Decke in 16 Meter Höhe einst golden schimmerte, es sich aber nur um Nikotinniederschlag handelte.
„Alt und neu kombiniert, sehr sehr schön. Es ist auch sehr groß und hell. Das hat mich verwundert, dass es so groß ist.“ (Mann, mittleres Alter)
Im zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude ausgebombt und schwer beschädigt. Anfang der 1950er Jahre konnte es bereits wieder als Ort für Karnevalssitzungen, Konzerte und auch für die Verleihung des „Ordens wider den tierischen Ernst“ genutzt werden. Wer denkt, mit den Kriegsschäden habe das Haus das Schlimmste überstanden, übersieht die Spielcasino-Jahre. Wände wurden willkürlich für Leitungen durchlöchert, erfährt man bauseits, Böden und Marmorsäulen übermalt oder verkleidet, Deckenschmuck aus hunderten Ketten sollte wohl die Glückssträhnen symbolisieren. Zum ersten Roulette-Spiel wurde unter anderem Filmstar Curd Jürgens eingeladen, man wollte renommémäßig offenbar gleich in der höchsten Liga starten. Und auch unterirdisch sollte es fürderhin fetzen: im Club Zéro, der Diskothek in der Diskothekenerfinderstadt Aachen. Immerhin ein schönes Teil hat das Spielcasino dann doch hinterlassen. Im heutigen Raum Spielsalon hängt ein monumentaler Leuchter von der Stuck verzierten Decke herab, in jeder seiner vielleicht 150 Halbschalen eine verspiegelte Glühbirne, gedimmte Blendung, weiches Licht oder wahre Erleuchtung verbreitend, wie man mag.

Sie: „Vor allen Dingen hat man früher diese ganzen Räumlichkeiten gar nicht so gesehen, weil alles abgehangen war durch Perlenketten und Vorhänge. Man war mehr konzentriert auf die Spieltische, hat das Gebäude gar nicht wahrgenommen.“ Er: „Das muss wirklich ein Haus für Aachen werden, das allen Bürgern offensteht. Wir haben das ja schließlich auch mit unseren Steuern finanziert. (Ehepaar)
Gut einhundert Jahre nach der Eröffnung stand 2015 für das Kurhaus unvermeidbar die Generalüberholung an. Die Spielcasino-Betreiber verzogen sich lieber über Los in den Tivoli, die Stadt stand schnell vor 20 Millionen Euro Sanierungskosten. Ob der Kostenschock zu der Idee geführt hat oder schiere Verzweiflung, das Kurhaus zeitweilig auch als Flüchtlingsunterkunft nutzen zu wollen, ist nicht klar. Aber irgendeine Verwirrung wird dafür wohl verantwortlich gewesen sein. Man stelle sich die Fotos vor, die ‚nach Hause‘ geschickt worden wären. Schaut mal, unsere Notunterkunft…
„Im Konzertsaal die Bühne ist allerdings etwas kleiner als früher. Da werden keine Symphoniekonzerte mehr stattfinden können. Es ist familiärer, würde ich sagen. Wenn’s gut läuft, ist das wirklich ein Prestigeobjekt.“ (Musikfreund)
Kopf wieder klar, wurde die Sanierung kurz vor Corona angegangen. Statt damals geschätzter 40, später 50 Millionen wird die Endabrechnung nach Pandemie und Ukraine-Krieg wohl eher bei 60 Millionen Euro liegen. Der Historienbau ist das bisher teuerste Einzelprojekt der Stadt Aachen. Und man fragt sich, was eigentlich am künftigen „Haus der Neugier“ mit seiner 120 Millionen-Kostenschätzung so teuer sein soll? Die Rolltreppen? Okay zurück ins Kurhaus. In dem einen Flügel gibt es Gesellschaftsräume, den Lesesalon, Raum für Kunst und Kultur, für Hochzeiten und Familienfeste, ein mit Glas überdachter Innenhof. Alles zu mieten inklusive Mobiliar und Personal; das Haus den Bürgern zurückgeben, wie es bei der Stadt heißt, wahrscheinlich auch eine Kostenfrage.
„Als Sechsjähriger war ich das erste Mal hier drin beim Kinderkarneval. Dann mit 20 im Club Zero, das war meine Diskothek hier. Die Sanierung ist absolut überzeugend, begeisternd. Die 58 Millionen haben sich gelohnt. Der alte Stil ist beibehalten worden, aber moderner. Da kann man auch als Kongressstandort in Deutschland punkten. (Besucher mit 40jähriger Bindung zum Haus)
Auf der anderen Flügelseite des Komplexes, zum Stadtpark hin, warten Küche, Café, Restaurant sowie Außenterrasse und Bistro. Hier soll das Kurhaus ganzjährig den Aachenerinnen und Aachenern zugänglich sein. Mal schnell was zu Mittag zu sich nehmen, Kaffee und Kuchen am Nachmittag, ein Glas Ingwer-Limonade oder Wein im abendlichen Sonnenschein. Dabei vielleicht auch Melodien aus der ebenfalls restaurierten Musikmuschel lauschen. Und später dann ab ins Untergeschoss. Die Diskothek soll – in welcher Form auch immer – wiederbelebt werden. Wann ist noch offen.
„Aachen hat eine neue Eventlocation bekommen, wo viele zusammenkommen können. Für Freunde, aber auch für die Kultur etwas Wunderbares. Alte Kultur ganz modern.“ (Junge Frau)
Die ersten Kulturveranstaltungen soll es dann im Herbst geben. Konzerte, Kongresse, Karlspreis-Veranstaltungen – alles möglich im neuen Schatzkästchen von Aachen.
