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Atommüll: Die schwierige Suche nach dem Endlager

Deutschland hat ein Problem, das nicht in Legislaturperioden, sondern in Jahrtausenden gedacht werden muss: Rund 27.000 Kubikmeter hochradioaktiver Abfall sind bislang angefallen – hinzu kommen etwa 290.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle. Während für letztere mit Schacht Konrad in Salzgitter bereits ein genehmigtes Endlager existiert, steht die Suche nach einem dauerhaften Lager für hochradioaktiven Atommüll noch ganz am Anfang eines jahrzehntelangen Prozesses.

Professor Klaus Fischer-Appelt, Leiter des Instituts für Endlagersicherheit der RWTH Aachen, beschreibt die Herausforderung deutlich: „Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Erkundung und Bau des Endlagers zeitlich und finanziell für unsere und zukünftige Gesellschaften zu den größten Herausforderungen gehören.“

Aktuell lagert der hochradioaktive Müll noch in Zwischenlagern an ehemaligen Kernkraftwerken sowie in zentralen Lagern in Ahaus, Lubmin und Gorleben. Dort muss der Abfall zunächst abkühlen, bevor eine Endlagerung überhaupt möglich ist.

Auch der aktuell diskutierte Transport von Castor-Behältern aus Jülich nach Ahaus sei aus fachlicher Sicht nachvollziehbar. „Jülich ist eben kein genehmigtes Zwischenlager, daher ist der Transport in diesem Fall nach Ahaus schon in Ordnung“, erklärt Fischer-Appelt. Ein Umbau in Jülich wäre aufwendiger, teurer und zeitlich kaum sinnvoll gewesen. Problematisch sei jedoch, dass viele Genehmigungen bestehender Zwischenlager bereits im kommenden Jahrzehnt auslaufen. Da ein Endlager bis dahin nicht in Sicht ist, brauche es Verlängerungen.

Doch wo könnte ein Endlager überhaupt entstehen?

„Die wichtigste Anforderung ist, dass es in diesen Regionen Gesteinsschichten in größerer Tiefe gibt, die möglichst wasserdicht sind“, sagt Fischer-Appelt. Wasser müsse unbedingt vom radioaktiven Material ferngehalten werden, da es Stoffe lösen oder Gase bilden könne. Deshalb konzentriert sich Deutschland auf drei sogenannte Wirtsgesteine: Steinsalz, Tonstein und Kristallin – also Granit oder Gneis.

Anders als Länder wie Finnland, die sich früh auf ein Gestein festgelegt haben, verfolgt Deutschland bewusst alle drei Varianten parallel. Das macht das Verfahren komplexer, aber auch wissenschaftlich fundierter. „Es lässt sich nicht behaupten, dass eine Art besser sei als die anderen“, so Fischer-Appelt. Erst das Zusammenspiel von Gestein und technischem Endlagerdesign ermögliche einen echten Vergleich.

Gesucht werden dabei keine kleinen Flächen, sondern großräumige geologische Strukturen in 500 bis 1000 Metern Tiefe. Je nach Gestein geht es um mehrere Quadratkilometer. Salz benötigt dabei weniger Fläche als Tonstein, da dort die Wärmeentwicklung besser beherrscht werden kann.

Klare Ausschlusskriterien gibt es ebenfalls: Regionen mit Erdbebenrisiko, aktive geologische Brüche, junge Vulkangebiete wie die Südeifel oder alte Bergbaugebiete wie das Ruhrgebiet scheiden aus. Fischer-Appelt formuliert es plastisch: „Das Ruhrgebiet ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse.“ Geeignet seien nur tektonisch ruhige Regionen, in denen sich über Millionen Jahre nur sehr langsame Veränderungen nachweisen lassen.

Dass die Standortsuche dennoch Jahrzehnte dauert, liegt nicht nur an der komplexen Geologie, sondern auch am politischen Anspruch. Die betroffene Kommune müsse nachvollziehbar erkennen können, warum gerade ihr Standort der bestmögliche sei – und andere Regionen eben nicht.

„Wir müssen über einen Zeitraum von bis zu einer Million Jahre prognostizieren“, sagt Fischer-Appelt. Ein solches Projekt habe kaum historische Vergleichsmaßstäbe. „Am ehesten noch der Bau des Kölner Doms“, sagt er – allerdings mit dem Hinweis, dass dort zwischendurch schlicht jahrhundertelang pausiert wurde.

Bis Ende 2027 soll entschieden werden, welche Gebiete in die nächste Phase der übertägigen Erkundung kommen. Danach folgen tiefere Untersuchungen unter Tage. Begleitet wird das Verfahren von der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), dem Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) und letztlich dem Bundestag.

Wichtig sei vor allem eines: Transparenz. „Ein ,Friss oder Stirb‘ wird es nicht geben können“, betont Fischer-Appelt. Die Bevölkerung müsse beteiligt, Sorgen ernst genommen und gemeinsam Lösungen entwickelt werden.

Trotz aller Unsicherheiten bleibt der Wissenschaftler vorsichtig optimistisch. „Mit meinen Kolleginnen und Kollegen bin ich jetzt die nukleare Müllabfuhr“, sagt er. Die Verantwortung gegenüber kommenden Generationen sei enorm.

Sein Ziel sei klar: „Wenn die Generationen nach uns sagen: Die haben uns zwar den Mist beschert, sie haben aber auch alles dafür getan, die Auswirkungen für uns so gering wie möglich zu halten – dann ist das schon mal was.“

Am 20. Mai informiert Professor Klaus Fischer-Appelt im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung über die schwierige Suche nach einem Endlager für hochradioaktive Abfälle. Die Veranstaltung „Endlagerung radioaktiver Abfälle – Auf den Spuren der nuklearen Müllabfuhr“ im Hörsaal H06, Hörsaalgebäude CARL, Claßenstraße 11, ist kostenfrei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. (Red)